Führung ohne Führungskraft - kann das funktionieren?

Führung ohne Führungskraft – kann das funktionieren?

Liebe Leserinnen und Leser,

Agilität predigt ein hohes Maß an Selbstverantwortung. Wer ist näher dran am Tagesgeschäft, als der Mitarbeiter selbst? Wer könnte besser die Stellen erkennen, an denen es zwickt und Optimierungspotenziale gehoben werden können, als der Mitarbeiter? Könnte es also sein, dass die ideale Organisationsform gänzlich auf Führungskräfte verzichten kann und den Mitarbeitern in der Ausgestaltung der Zusammenarbeit freie Hand lässt?

Scrum und das Holocracy-Modell sagen: “ja”. Es gibt bereits einige mittelständige Vorreiter, die diesen Ansatz konsequent umsetzen. Auch in Konzernen werden in einzelnen Abteilungen Hierarchien und Strukturen abgebaut. Diese Vorreiter vereint der Gedanke, dass sich eine Organisation zügig, an einen sich in immer kürzeren Zyklen verändernden Markt, anpassen muss.

Doch wie kann so eine Organisationsform überhaupt funktionieren?
Grundlage ist zunächst eine entsprechende Unternehmenskultur. Mitarbeiter müssen die Selbstverantwortung annehmen und ausleben, gleichzeitig eine ausgeprägte Teamfähigkeit mitbringen. Entscheidungen werden nicht mehr durch eine Führungskraft getroffen, sondern durch den Mitarbeiter selbst oder bei übergreifenden Themen per Mehrheitsbeschluss. Mitarbeiter melden sich freiwillig für Tätigkeiten und Projekte. Aufträge, für die sich niemand findet, werden nicht angenommen. Gehälter werden im Team festgelegt und neue Mitarbeiter gemeinsam ausgewählt. Gleichzeitig werden Mitarbeiter aus dem Team heraus bestimmt, die für ausgewählte Themen eine Führungsrolle einnehmen. Genauso können diese durch das Team wieder abgesetzt werden.

Diese Auflistung zählt nur einige der Eigenschaften auf, die eine solche Organisationsform mit sich bringt. Allerdings sind es im Wesentlichen Unternehmen und Abteilungen mit einem Geschäftsschwerpunkt in der Softwareentwicklung, die sich bisher so organisiert haben. Ist diese Organisationsform nur für Softwareentwicklungs-Unternehmen oder deren Abteilungen geeignet?

Charakteristisch für die Softwareentwicklung ist das Projektgeschäft. Dieses beinhaltet klar abgegrenzte Themen, mit einer überschaubaren Anzahl an organisationsweiten Schnittstellen und übergreifenden Prozessen. Auch sind mit dem Projektgeschäft wenig Routineaufgaben verbunden, da Projekte immer nur eine begrenzte Laufzeit haben. Auch die Kommunikation fällt in dieser Branche leicht, da sie in der zunehmenden Digitalisierung eine globale Vernetzung mit modernen Kommunikationsmedien aufweist.

Doch wie sieht dies bspw. bei sehr statischen Unternehmen, wie Behörden oder der Bundeswehr aus, die hoheitliche Aufgaben übernehmen und deren Geschäft nicht von Veränderungen am Markt betroffen sind. Oder bei Banken und Konzernen, die umfangreichen regulatorischen Anforderungen unterworfen sind. Hier dürfte der Ansatz an seine Grenzen stoßen. Stellen Sie sich eine Behörde vor, die sich dazu entscheidet, keine Ausweise mehr auszustellen, weil sich kein Mitarbeiter dafür gemeldet hat. Oder 40.000 Mitarbeiter, die sich auf verschiedene Aufgabengebiete aufteilen sollen und gleichzeitig wissen müssen, was für die Gesamtorganisation am besten ist.

Zusammenfassend lässt sich also festhalten, dass eine Organisation ohne Hierarchie zwar für einige Unternehmen ein echtes Erfolgsmodell sein kann, für den flächendeckenden Gebrauch jedoch nur bedingt geeignet ist.

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