Der Mythos der Unersetzbarkeit

Der Mythos der Unersetzbarkeit

„Wenn ich nur zwei Tage weg bin, stapeln sich schon die Akten und das Postfach quillt über. Wie soll das erst werden, wenn ich zwei Wochen weg bin?“

Kurz vor der Urlaubszeit ist diese Sorge wieder vermehrt an den Arbeitsplätzen, Fluren und Kantinen deutscher Unternehmen zu vernehmen. Der Urlaub steht bevor. Ausgerechnet jetzt wollen alle Kollegen noch schnell etwas klären – und für die ordnungsgemäße Übergabe ist man ohnehin schon wieder zu spät dran.

„Das kann ja heiter werden, wenn ich zurückkomme.“ Wenn Sie es dann erstmal in den Urlaub geschafft haben, können Sie sich mit diesem Gedanken wunderbar die ersten paar Tage des Urlaubs versauen. Angespannt und mit dem Kopf noch bei der Arbeit, treten Sie den Urlaub an. Bis ein Entspannungsgefühl eintritt, ist oftmals schon die erste Woche rum. Kaum in den Entspannungsmodus gewechselt, neigt sich der Urlaub auch schon wieder dem Ende zu und im Kopf beginnt es wieder zu rattern. Die Rückkehr will ja gut vorbereitet sein.

Sind also viele Mitarbeiter unersetzbar? Diese Aussagen und Gedankenspiele treten schließlich nicht nur zur Urlaubszeit auf. „Ohne mich würde in dem Laden gar nichts laufen!“ ist eine weitere Ausprägung dieser Aussage. Doch sind diese Aussagen nur subjektiver Natur, um ihren Initiator im richtigen Licht dastehen zu lassen oder sind sie objektiver Natur?

Die Wahrheit liegt wahrscheinlich oft irgendwo dazwischen und stellt die Führungskräfte der entsprechenden Unternehmen vor mittlere bis große Herausforderungen, um diese Situationen abzufangen. Allerdings ist dies keine neue Herausforderung, die plötzlich aufgetaucht ist und nur durch die Verwendung agiler Methoden und Arbeitsweisen gelöst werden kann. Ob durch das Vorhalten weiterer Mitarbeiter, mit Hilfe von temporär eingestellten Aushilfskräften bis hin zum Liegenbleiben der Aufgaben, kann dieser Herausforderung auch mit traditionellen Arbeitsweisen begegnet werden. Wirkliche Herausforderungen treten erst bei Fachspezialisten auf. Diese Know-how-Träger sind nicht einfach mal so zu ersetzen. Ein Anzeichen dafür, dass ein Mitarbeiter ein solcher Know-how-Träger ist, ist wenn wichtige Geschäftsprozesse durch dessen Fehlen wirklich zum Erliegen kommen. Solche Mitarbeiter stellen für den jeweiligen Geschäftsprozess einen Engpass dar und sind nahezu unersetzlich.

Der große Unterschied zwischen traditionellen und agilen Arbeitsweisen ist an dieser Stelle jedoch, dass bei agilen Arbeitsweisen diese Herausforderung gar nicht bewältigt werden muss, da eine solche Situation nicht mehr eintritt.

Was theoretisch so einfach klingt, setzt in der Praxis selbstverständlich einen entsprechenden Reifegrad der agilen Organisation voraus. Dennoch, eines der zentralen Prinzipien von agilen Methoden ist der fortlaufende Wissensaufbau der Organisation. Fachspezialisten behalten ihr Wissen nicht für sich, sondern transportieren es in die Organisation. Unterstützt durch moderne Hilfsmittel, wie Self-Learning-Platforms, Kollaboration-Tools, intelligente Wikis und Knowledge Datenbanken, wird das Fachwissen dokumentiert und transportiert. So wird das Fachwissen immer weiter in der Breite verankert.

Auch wenn diese Vorgehensweise nicht dazu führt, dass ein Fachspezialist auf Knopfdruck ersetzt werden kann, so kann zumindest ein Großteil seiner Arbeitslast auf mehrere Schultern verteilt werden und der Spezialist mit gutem Gefühl in den Urlaub fahren.

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